Kraftspenderin, die berührt:
Irmi Goth und ihr Lebenswerk für krebskranke Kinder
Wenn die Stadt noch schläft, beginnt für Irmi Goth der Tag. Mit 81 Jahren steht sie in aller Frühe auf, belädt einen Anhänger mit gespendeten Flohmarktartikeln und fährt zum Markt. Seit fast 25 Jahren sammelt sie unermüdlich Geld für die Initiative krebskranke Kinder – nicht saisonal, nicht punktuell, sondern das ganze Jahr über. Was mit einem Tisch auf dem Flohmarkt begann, ist heute ein Lebenswerk, das eine ganze Gemeinde in Bewegung bringt und Hoffnung spendet, wo sie dringend gebraucht wird.
Diese Haltung hat Wurzeln in ihrer Jugend: Mit 19 Jahren kam Irmi nach München, kaufte dort einen kleinen Tante-Emma-Laden und brachte sich das Handwerk der Selbstständigkeit selbst bei – unterstützt durch eine Abendschule, die sie konsequent besuchte. Ihr Mut, ihre Disziplin und ihr Unternehmergeist wurden später öUentlich anerkannt: Irmi wurde als erste selbstständige Frau in München ausgezeichnet. Es ist der Anfang einer Lebensgeschichte, in der Verantwortung und Anpacken zur zweiten Natur werden.
Ihr Antrieb für ihr heutiges Engagement hat einen tiefen Ursprung: Vor Jahren erhielt Irmi die Diagnose eines bösartigen Hautkrebses – zum Glück ohne Metastasen. In dieser existenziellen Zeit versprach sie dem Leben, dem lieben Gott, dem Universum: Jetzt möchte ich etwas zurückgeben. Aus diesem Moment der Einsicht wurde ein Versprechen, das sie bis heute hält – Tag für Tag, Aktion für Aktion.
Und Irmi blieb auch dann unerschütterlich, als das Leben sie hart geprüft hat. Der plötzliche Tod ihres eigenen Kindes und die lange Pflegephase ihres Mannes hätten vieles zum Stillstand bringen können. Doch Irmi hat nie aufgehört. Ihre Unermüdlichkeit ist still und beharrlich: Sie trägt, sortiert, organisiert, backt und sammelt – und macht weiter, auch wenn es schwer ist.
Zweimal im Jahr verwandelt Irmi das nahe gelegene Schützenheim in einen dreitägigen Hausflohmarkt. Es ist weit mehr als ein Verkauf von Dingen: Es ist ein Fest der Gemeinschaft. Bis zu 90 Torten werden gebacken, Adventskränze liebevoll gebunden, kleine Aktionen wachsen zu großen Gesten. Nachbarschaft, Freundeskreis, Bekannte – die ganze Umgebung hilft mit. Rund 40 Menschen stehen Irmi das gesamte Jahr über zur Seite, sammeln, sortieren, backen, basteln. Viele bringen Gegenstände vorbei, die ausgemustert wurden, um ihnen noch einmal einen guten Zweck zu geben. So haben sich über die Jahre viele Tausend Euro für unseren Verein angesammelt – jeder Euro ein Zeichen dafür, dass Engagement und Mitmenschlichkeit Berge versetzen können.
Irmi Goths Lebensgeschichte ist berührend und zeugt von außergewöhnlicher Kraft. Ihr Mann ist verstorben, ebenso einer ihrer Söhne. Der zweite Sohn, Bernhard, steht seiner Mutter nahe und unterstützt sie in allem, was sie tut – mit Herz, mit Zeit und mit Ideen. Wenn es darum geht, andere zum Mitmachen zu bewegen, kennt er keine Berührungsängste: Er schreibt den Papst und den Bundeskanzler an, ob sie nicht eine signierte KaUeekanne beisteuern möchten, um Irmis beeindruckende Sammlung von mittlerweile 11.000 KaUeekannen zu ergänzen. Das Sammeln ist in dieser Familie eine liebevolle Leidenschaft. Bernhard selbst hat schon 75.000 Kronkorken zusammengetragen – ein augenzwinkerndes Symbol dafür, dass auch kleine Dinge Großes bedeuten können, wenn man sie beharrlich sammelt.
Irmi hat sich ein eigenes Lebenswerk geschaUen. Es zeigt sich im Kleinen wie im Großen: im Anhänger, den sie morgens belädt, in der Handarbeit, die in jedem Adventskranz steckt, und in der Geduld, mit der sie Sortenvielfalt zur Tradition macht. Seit Anfang Oktober hat sie über 30 Sorten Plätzchen gebacken, die sie verkauft – jede Sorte eine Einladung, mit Genuss Gutes zu tun. Dieses Tun ist nie Selbstzweck. Es hat ein Ziel: krebskranken Kindern und ihren Familien beizustehen, Unterstützung zu finanzieren, Momente der Entlastung zu ermöglichen.
Als wir Irmi besucht haben, waren wir tief berührt. Ihr Zuhause ist zugleich Werkstatt, Lager, Begegnungsort. Man spürt, dass hier nicht nur Gegenstände einen neuen Platz finden, sondern auch Menschen – als Teil einer Gemeinschaft, die trägt. Irmi ist eine Kraftspenderin. Sie spendet nicht nur finanziell, sondern auch Zuversicht. Sie zeigt: Vorbild sein heißt nicht, im Rampenlicht zu stehen. Es heißt, jeden Tag aufs Neue anzupacken, andere mitzunehmen und im Ergebnis zu etwas Größerem zu werden, als man alleine sein könnte.
Für unsere Initiative sind langjährige Unterstützerinnen wie Irmi ein Geschenk. Sie geben uns nicht nur Mittel, sie geben uns Mut. Sie erinnern uns daran, dass die Frage „Was kann ich tun?“ immer stärker ist als die Frage „Kann ich überhaupt etwas verändern?“ Irmi verändert seit fast einem Vierteljahrhundert jeden Tag etwas: mit einer Kiste voller Flohmarktartikel, mit einer Torte, mit einem Adventskranz, mit 30 Sorten Plätzchen, mit einem Anhänger, der nie leer bleibt, und mit einem Herzen, das nie müde wird.
Dieses Porträt ist ein Dank und eine Einladung. Ein Dank an Irmi, an Bernhard und an die vielen Helferinnen und Helfer, die sich das ganze Jahr über engagieren. Und eine Einladung an uns alle, dem eigenen Handeln Vertrauen zu schenken. Denn Kraftspenderinnen wie Irmi zeigen: Aus einer persönlichen Krise kann ein Versprechen wachsen, das viele stärkt. Mit Engagement, Geduld und Gemeinschaft wird aus einem Flohmarktstand HoUnung. Aus einer KaUeekannensammlung wird Verbindung. Und aus jeder Spende wird ein Stück Zukunft für Kinder, die unsere Unterstützung brauchen.
Claudia Humbert, Oktober 2025



