Persönliche Erfahrungen

Auch so kann eine Mathematikstunde aussehen

In einer onkologischen Kinderstation zu unterrichten, heißt nicht nur den Unterricht aus dem Stoffplan zu gestalten, sondern auch am Leben der Kinder Anteil zu nehmen. So entstehen häufig Unterrichtssituationen, die von der augenblicklichen Verfassung des Kindes geprägt sind: Kummer, weil es länger als erwartet im Krankenhaus bleiben muss, Freude, weil das Tropflegen keine Schmerzen bereitet hat, unendliche Müdigkeit, Betrübtheit wegen unterbrochener Beziehungen zu Freunden und Familie, Trauer über den Tod anderer Mitpatienten, Ungewissheit über das eigene Leben. Manchmal wird dies auch Gegenstand des Unterrichts, wie die nachfolgende Mathematikstunde zeigt.

Krebskranke Kinder

Klinikschule

Schülerin 8 Jahre alt, rezitivierende Tumorerkrankung; Lehrerin seit 10 Jahren auf der onkologischen Station.

Lehrerin: Kann ich rechnen mit Dir?
Schülerin: Ja, Sie können rechnen mit mir!

Lehrerin: (Rechenoperationen der 2. Jahrgangsstufe sind Gegenstand des Unterrichts)
93 -12 oder 76 +13 sind für die Schülerin kein Problem,
aber 45 -19 oder 23 +39 stellen eine zu große Hürde dar

Schülerin: Ich kann das nicht, mein Kopf ist so voll!

Lehrerin: Diese Aufgaben haben keinen Platz mehr?
Schülerin: Nein, jetzt nicht!

Lehrerin: Kannst Du mir sagen, warum?
Schülerin: Wissen Sie, dass in letzter Zeit viele Kinder gestorben sind?

Lehrerin: Ja, ich weiß!
Schülerin: der Michael, die Eva, der Robert

Lehrerin: Das beschäftigt Dich sehr, Du musst darüber nachdenken...
Schülerin: Ja, Michael hatte dieselbe Krankheit wie ich! Er ist auch transplantiert worden, wie ich!

Lehrerin: Du denkst daran, daß Du auch sterben könntest...
Schülerin: Ja!

Lehrerin: Hast Du Angst?
Schülerin: Vielleicht... Meine Eltern wären sehr traurig, wenn ich nicht mehr lebte...

Lehrerin: Ja, wohl sehr... Auch andere Menschen, die Dich kennen wären sehr traurig.
Schülerin: Sie auch?!

Lehrerin: Ja, ich wäre auch sehr traurig!
Schülerin: Ich möchte jetzt noch nicht sterben! Ich bin noch nicht dran!

Lehrerin: Das denke ich auch.
Schülerin: Aber, wenn es sein muss, so weiß ich, ich bin nicht allein, ich treffe dann den Michael und Robert, auch meine beste Freundin von früher, die Maria... Ich möchte jetzt nicht mehr darüber reden, sonst werde ich traurig. Dann muss ich weinen, das will ich jetzt nicht! Jetzt will ich schwierige Einmaleinsaufgaben, die kann ich gut! Kann ich mit Ihnen rechnen?

Lehrerin: Ja, Du kannst mit mir rechnen!

Elisabeth Meixner-Mücke
Lehrerin der onkologischen Station des Schwabinger Kinderkrankenhauses und Gründungs- und zeitw. Vorstandsmitglied der Elterninitiative

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